Edgar Koberwitz

Dachauer Tagebücher

Die Aufzeichnungen des Häftlings 24814 Edgar Koberwitz

Geboren wurde er am 24. April 1906 als Sohn eines Verwalters auf dem Gut Koberwitz unweit von Breslau in Niederschlesien. Kupfer-Koberwitz wurde später sein Künstlername. Nach der Realschule arbeitete Edgar Kupfer zunächst als landwirtschaftlicher Praktikant, dann als Angestellter. Nebenbei begann er Gedichte und kleinere Beiträge für Zeitungen und Zeitschriften zu schreiben. 1934 floh er vor der Gestapo nach Paris, wo er sich seinen Lebensunterhalt mit Handweben verdiente.

1937 übersiedelte Edgar Kupfer im Auftrag eines deutschen Touristikunternehmens von Paris auf die damals noch unbekannte Insel Ischia. In einem 1940 niedergeschriebenen, aber erst 1948 publizierten Bericht „Die vergessene Insel“, den er auch ein „Buch über die Vulkanische Insel“ nannte, schilderte er eine inzwischen verschwundene Welt voller Mythen und archaischer Lebensgewohnheiten, die ihn begeisterte und in der er sich geborgen fühlte.

Am 10. September 1940 holte ihn jedoch der lange Arm der nationalsozialistischen Machthaber ein, und sein idyllisches Inselleben fand ein plötzliches Ende. Grund war vermutlich eine Denunziation. „Sie sollen sich abschätzig über das hiesige und über das deutsche Regime geäußert haben“, erklärt man ihm auf dem deutschen Konsulat in Neapel seine Ausweisung aus Italien.

Am 11. November 1940 musste er den Zug in Richtung Dachau besteigen, um für viereinhalb Jahre hinter Mauern und Stacheldraht zu verschwinden. Zwei Jahre nach seiner Einlieferung ins Konzentrationslager fand er ab November 1942 die Möglichkeit, mit seinen geheimen Aufzeichnungen zu beginnen. Edgar Kupfer-Koberwitz gehörte keiner Partei, keiner religiösen Gemeinschaft und auch sonst keiner definierten Verfolgtengruppe an. Er war keiner Gruppierung zu Loyalität verpflichtet und richtete seinen individuellen und unvoreingenommenen Blick auf das Universum Konzentrationslager, auf das Verhalten der SS-Bewacher und die besonderen Gesetze der Häftlingsgesellschaft.

Als außerhalb des Häftlingslagers im SS-Bereich in einem ehemaligen Munitionsbunker eine Schraubenfabrik („Präzifix“) eröffnet wurde und Edgar Kupfer im November 1942 dort einen Arbeitsplatz erhielt, hatte er eine Nische gefunden, die ihm in den kommenden Jahren das Überleben ermöglichte. Als das Manuskript zu umfangreich geworden war und er es nicht weiter unbemerkt am Arbeitsplatz verstecken konnte, half ihm im Oktober 1944 ein Häftlingskamerad, den Stapel in einem gut getarnten Loch im Boden des Materiallagers zu verstecken.

Edgar Kupfer hat überlebt, und sein Werk war gerettet. Aber die Träume und Hoffnungen, die er für sein Leben nach der Befreiung und für die Wirkung seiner Aufzeichnungen gehegt hatte, blieben weitgehend unerfüllt.

In den sieben Jahren, die er in den USA lebte, konnte er nicht Fuß fassen, Edgar Kupfer kam wieder nach Europa, wo er sich auf die Insel Sardinien zurückzog.

1984 wurde sein Häuschen abgerissen, und er musste auch aus gesundheitlichen Gründen endgültig nach Deutschland zurückkehren. Nachdem eine Freundin der Familie, die ihn aufgenommen und versorgt hatte, im Jahr 1987 verstarb, kam er in ein anthroposophisches Pflegeheim in der Nähe von Stuttgart, wo er bis zu seinem Tod im Alter von 85 Jahren am 7. Juli 1991 lebte.





Eine sehr seltene Innensicht aus einem KZ, da der Autor keiner der verfolgten Gruppen angehörte, und die Aufzeichnungen unter Lebensgefahr angefertigt hat.


Barbara Distel
Rechte: Kindler Verlag GmbH, München

Deutsches Theater und Kammerspiele, Berlin


Dauer: etwa 75 Minuten