Wassili Schukschin

Gespräche bei hellem Mondschein

Die Stiefel

Sie waren nach Ersatzteilen in die Stadt gekommen. Und da sah Sergej Duchanin im Geschäft ein Paar Damenstiefel. Seine Ruhe war dahin – zu gern hätte er sie seiner Frau gekauft. Müßtest ihr wenigstens mal ein richtiges Geschenk machen, dachte er. Vor allem – ein schönes Geschenk. An solche Stiefel würde sie nicht einmal im Traum denken.

Lange betrachtete Sergej die Stiefel, dann schnippte er mit dem Fingernagel gegen das Glas der Auslage und fragte: „Was kosten denn diese Röhren?“ „Was für Röhren?“ fragte die Verkäuferin verständnislos. „Na, die da … die Stiefel.“ „Röhren! … Fünfundsechzig Rubel.“ Sergej hätte fast laut: „Ach, du Scheiße“ gesagt. Schleppend meinte er: „Ganz schön gepfeffert.“ Die Verkäuferin sah ihn verächtlich an. Ein komisches Volk die Verkäuferinnen. Die verkaufen einem ein Kilo gewöhnlicher Hirse, aber mit einer Miene, als zahlten sie eine vergessene Schuld zurück. Ach, hol sie der Teufel, die Verkäuferinnen. Sergej hatte die fünfundsechzig Rubel. Sogar fünfundsiebzig. Bloß (…)

Er ging hinaus, zündete sich eine Zigarette an und überlegte. Genaugenommen sind solche Stiefel ja nichts für den Dorfschlamm. Freilich seine Frau würde sie schonen. Würde sie einmal im Monat anziehen, wenn sie irgendwohin geht. Und dann auch nicht bei Nässe und Schlamm, sondern nur, wenn’s trocken ist. Wie sie sich freuen würde! Wär schon ein verdammt schöner Augenblick, wenn er diese Stiefel aus dem Koffer holen und sagen könnte: Da, zieh mal an (…)





Trinken mit Schukschin
Thomas Neumann liest und trinkt mit

z.B. Wassili Schukschin: Die Stiefel


Alle sitzen an einem Tisch und trinken und hören und reden und essen und rauchen und hören;

je nach Kondition der Gäste und des Lesenden – 90 Minuten bis zu zwei Stunden oder länger