Das Kind

Menschen auf der Suche nach Liebe

„Das Kind“ von Jon Fosse seziert die Einsamkeit, Premiere im Neuen Theater Halle

Halle/MZ. „Das Wichtigste kann man irgendwie nicht sagen“, ist einer der Schlüsselsätze in diesem Stück. Hier ist nichts, oder doch fast nichts, wie gewohnt: Ein karger, stimmiger Bühnenraum (Jürgen Müller), begrenzt von drei Wänden, gibt Haltestelle, Wohnraum und Krankenzimmer her.

Die Requisiten sind auf das Nötigste beschränkt, geredet wird vergleichsweise wenig. Und das Wenige hat meist nichts mit dem Eigentlichen zu tun, jedenfalls nicht unmittelbar. Man spricht zudem aneinander vorbei: Worte, Satzfetzen scheinen in einem fragilen Eigenleben zu vagabundieren, bis sie schließlich doch, zeitversetzt, noch eine Entsprechung finden.

Jon Fosses Stück „Das Kind“ ist zweifellos spröde, es provoziert durch seine Langsamkeit – und durch vermeintliche Leerstellen, die man als Links für den Betrachter verstehen kann, als Aufforderung, sich selbst an den Figuren zu spiegeln. Etwa, wenn sich Fredrik und Agnes, die Protagonisten, nachdem sie einander erkannt haben, in minutenlanger Umarmung zeitlupenhaft im Kreis bewegen. Dies ist fast die äußerste Zärtlichkeit in Thomas Neumanns Inszenierung, bis zum Schluss, als Fredryk seinen Kopf wie ein Schutz suchendes Kind an Agnes’ Brust legt: Im Moment, da über das Schicksal ihres ungeborenen Kindes entschieden ist. Als feststeht, dass man die Geburt einleiten wird, um das Leben der Mutter nicht zu gefährden. Als klar ist, das Kind wird nicht leben.

Das Besondere an Fosses Stück ist, dass es auf reduzierte, minimalistische Art von der Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit und Gott erzählt – zugleich aber von Sprachlosigkeit und Misstrauen vor sich selbst. Fredrik (sehr sensibel und präsent: Till Schmidt), der „immer ein Scheißleben gehabt“ hat, ist erst durch die Begegnung mit Agnes (Alexandra Elisabeth Kuziel in berührend wachsender Ausstrahlung) zu Gott, zu sich gekommen.

Wenn er einer Krankenschwester (Daniele Voß) davon erzählt, nachts, in einer unerklärten Intimität, die sie auch wie eine Suggestion gegen ihre eigene Einsamkeit inszeniert, erscheint das Elend des modernen, so genannten Kommunikationszeitalters einmal mehr in klarer Projektion. Stammelnd, um Sprache ringend, rückzugsbereit sind diese Figuren. Auch Arvid (Rayk Gaida), der verletzte, vereinsamte Stadtstreicher, den Agnes früher einmal geliebt haben muss. Auch die Mutter (Barbara Zinn), die an Leere und Lieblosigkeit zu ersticken droht und verzweifelt dagegen anredet. Auch der Arzt (Wolfgang Boas), der kalt und schnell wie ein Roboter schnarrt. Am Ende betrauern Fredrik und Agnes ihr Kind. Und sich selbst. Alles geht weiter. Immerfort, irgendwie. Das ist die Lage.



Mitteldeutsche Zeitung, 16. September 2001

Andreas Montag