Die Kleinbürgerhochzeit

Scheinmoral und Möbel zerlegt

Zinnowitzer Schauspielschüler zeigen Brechts „Die Kleinbürgerhochzeit“ als Schwank der bürgerlichen Werte

Zinnowitz (OZ). Der Vater der Braut nervt mit unsäglichen Geschichten, der Bräutigam ist rasend eifersüchtig, die Braut tödlich beleidigt, die Gäste benehmen sich voll daneben und verlassen schon um neun sauer das Fest. Wie der schönste Tag des Lebens für ein frischvermähltes Paar zur Katastrophe gerät, zeigen seit dem Wochenende die Eleven des 3. Studienjahres der Theaterakademie Vorpommern in Bertolt Brechts Schwank „Die Kleinbürgerhochzeit“ im Zinnowitzer Theater „Blechbüchse“.

Das Ende der Hochzeitsfeier beginnt schon am Anfang: Das Brautpaar sitzt mit sieben Gästen am Tisch und isst Kabeljau. Der Brautvater (Johannes Gärtner) gibt unablässig Geschichten zum Besten, deren Pointen er regelmäßig verpatzt. Braut (Ute Kampowsky) und Bräutigam (Stefan Piskorz) zeigen sich genervt von Vaters Anekdoten.

Der Brautvater reagiert herrlich irritiert, piekt mit seiner Gabel in die Luft und schafft es immer wieder, mit übergroßer Betonung doch noch eine Episode aus dem Leben loszuwerden. Die zerbröckelnde Fassade aus Höflichkeiten und netten Floskeln kann auch er nicht mehr kitten. Immer mehr Misstöne schleichen sich ein und die gelangweilte Festgesellschaft treibt mitten in die Katastrophe hinein. Da ist der beste Freund des Bräutigams (Daniel Sempf), der plötzlich die Braut (Ute Kampowsky) anbaggert. Da ist Emmi, die Freundin der Braut (Ellen Stork), sie sich als wahres Biest entpuppt. Da ist die Schwester der Braut (Marit Lehmann), die sich mit dem Freund des Hauses (Carl Pohla) im Bett der Brautleute vergnügt.

Genüsslich demontieren die Schauspieler das marode Innenleben der Hochzeitsgesellschaft, zeigen, dass die Fassade schon lange nicht mehr hält, was sie verspricht. Dir Braut ist schwanger, das kleinbürgerliche Leben verlogen und von fragwürdiger Sexmoral geprägt. Neid und Missgunst bestimmen die Gemüter, das Kleinbürgertum ist nur noch eine Farce. Letzter Ausweg scheint der Alkohol, mit dem die Gäste und das Brautpaar den Frust hinunterspülen.

So instabil wie die Hochzeitsgesellschaft sind auch die selbstgezimmerten Möbel des Brautpaares. Besonders Emmi alias Ellen Stork sprüht vor Schadenfreude, als das Tischbein gefährlich knarrt, mehrere Stühle unter der Last der Gäste zusammengebrochen sind, das Sofa einen Knacks hat und der Schrank sich nicht aufschließen lässt. Mit Genugtuung stochert sie in den seelischen Wunden des gekränkten Brautpaares. Neben den bürgerlichen Werten wird so auch die Ausstattung (Jürgen Müller) in ihre Einzelteile zerlegt.

Am Ende bleibt das Brautpaar (Ute Kampowsky und Stefan Piskorz) in einem Chaos zurück. Die Gäste haben stinksauer das langweilige Fest verlassen, die Einrichtung ist ein Trümmerhaufen. Inmitten der Katastrophe entdeckt das zerstrittene Paar seine Liebe neu, und ihm bleibt das zweifelhafte Vergnügen der Hochzeitsnacht in einem zusammenkrachenden Ehebett.

Regisseur Thomas Neumann hatte mit diesen Darstellern eine Bestbesetzung. Johannes Gärtner besticht als linkischer Brautvater, Ellen Stork als Emmi gibt sich herrlich fies. Daniel Sempf glänzt als Charmeur par excellence. Manuela Wisbeck überzeugt als nörgelnde Mutter des Bräutigams. Wunderbar komisch wuseln sich Carl Pohla und Marit Lehmann durch die Hochzeitsfeier, während Christian Jeschke, Mann der scharfzüngigen Emmi, seinen Frust ergebenen Blickes im Wein ertränkt. „Die Kleinbürgerhochzeit“ als derben Schwank abzutun wäre verfehlt. Ein Großteil der Komik beruht auf dem genialen Wortwitz des Stücks. Thomas Neumanns Inszenierung schafft Vergnügen, ohne ins Brachiale abzusinken. Vielmehr bietet er das Vergnügen, die Scheinwelt der Feiernden zu durchschauen. Die Gesten stimmen, die Hiebe sitzen, die Pointen zünden. Am End langanhaltender Applaus für ein wunderbar inszeniertes und gespieltes Stück.




Ostseezeitung, 11. Mai 2004

Claudia Noatnick

Virtuose Schlacht mit kleinen Gemeinheiten

Zinnowitz. Brecht war 21 als er „Die Kleinbürgerhochzeit“ schrieb. Ein frustrierter junger Kerl oder ein genauer Beobachter? Vermutlich beides und er fand sie abstoßend, diese zur Schau getragene Moral und die angeschaffte Fröhlichkeit, hinter der Neid und Missgunst stehen. Böswilligkeiten nehmen den kleinen Umweg über eine witzige, bissige Bemerkung. Nur dem Brautpaar, das sich durch seine eigene Hochzeitsfeier quält und zermürbt, räumt er zum Schluss doch noch eine Chance ein. Das hat sogar einen Hauch von Sentimentalität. Brecht, gewiss nicht uneitel, liefert die Quintessenz des Stücks gleich mit: „Bei den Modernen wird das Familienleben immer so in den Schmutz gezogen. Dabei ist das doch das Beste, was wir Deutsche haben.“ heißt es sarkastisch. Und diese kleine wichtige Passage gesprochen vom Vater (Johannes Gärtner) wird vom Mann der Freundin der Braut (Christian Jeschke) wunderbar mit akzentuierten Bemerkungen über den „Baal“ vorbereitet. Diese Genauigkeit bis in die kleinsten Fingerbewegungen jeder Figur hinein ist es, was an dieser „Kleinbürgerhochzeit“ der Eleven des 3. Studienjahres der Theaterakademie Vorpommern, besticht. Regisseur Thomas Neumann führt die jungen Leute in ihrer Abschlussinszenierung – sozusagen ihrer praktischen Prüfung – zu schauspielerischen Bestleistungen. Und sie ernten dafür viel Beifall bei der Premiere am Sonnabend im gelben Theater „Die Blechbüchse“ in Zinnowitz.

Das beginnt schon im ersten Bild – die Familie am Tisch, die Mutter im Hintergrund mit dem Fischtablett in der Hand – Szenenapplaus. Neun verschiedene Charaktere sind zur Hochzeitsfeier gerüstet – im wahrsten Sinne des Wortes. Es geht gleich zur Sache. Emmi, exzentrisch und schrill von Ellen Stork gespielt, eröffnet sozusagen den Kampf. Ihr Mann, mit stoischer Kraft und Verbissenheit von Christian Jeschke beeindruckend gegeben, versucht erst gar nicht, seine Frau im Zaum zu halten. Allein mit Mimik und Gestik schafft es Manuela Wisbeck als Mutter, sich immer wieder in den Mittelpunkt des Geschehens zu rücken. Eine feine Leistung. Die Braut hat die größten Gefühlswandlungen zu spielen und Ute Kampowsky beherrscht sie. Insgesamt war diese Schlacht der Gemeinheiten eine souveräne Ensembleleistung, bei der jede Geste, jedes Wort, jede Pause – fast virtuos ineinander griff.


Nordkurier, 10. Mai 2004

Daniela Richter