Endspiel

Schwerin – So etwas sieht man nur noch ganz selten: Theater, hautnah am Text, jenseits von Stückzertrümmerung, Videoästhetik, Originalitätssucht.

Thomas Neumann heißt der Regisseur, dem im E-Werk des Schweriner Staatstheaters das Kunststück gelang, Samuel Becketts „Endspiel“ zum großen Theater-Ereignis zu machen. Es ist eine Aufführung wie aus ferner Zeit, die aber alles andere ist als eine abgestandene Konserve. Das Haltbarkeitsdatum dieser Inszenierung von Samuel Becketts „Endspiel“ ist noch längst nicht abgelaufen.

Neumann, viele Jahre lang Schauspieler in Berlin, zwingt dem Stück nicht seinen interpretatorischen Willen auf. Vielmehr geht er zurück zu den Wurzeln: zu der Sprache, den Stimmen, den Bewegungen. Er verdichtet das Spiel, indem er alles Überflüssige weglässt. Die Reduktion beginnt bei Jürgen Müllers Bühnenbild, das, erhöht auf einem quadratischen Podium und umrahmt von schwarzen Wänden, nur aus zwei seitlich aufgehängten Tüchern (Fenster) und einem Ausgang besteht. Optische Kargheit in Schwarz, Weiß und Grau, die wie strenge ästhetische Stilisierung aussieht, aber etwas ganz anderes ist: Konzentration aufs Wesentliche.

Genau der richtige Ort für eine Aufführung, die mit der Kunst der Darsteller steht und fällt. Im E-Werk steht alles und fällt nichts. Gottfried Richter (Hamm) und Jochen Fahr (Clov) verzichten auf alle schauspielerischen Mätzchen und entwickeln ihre Rollen mit seltener Intensität zu Klarheit und Wahrheit. Neunzig Minuten lang kein falscher Ton, keine verrutschte Geste.

Die weiße Schminke auf ihren Gesichtern verrät es: Das, was man sieht, ist ein Spiel. Darin geht es um Angst und Abhängigkeit, Sprechen und Sprachlosigkeit, Trauer und Komik. Hamm, blind und an den Rollstuhl gefesselt, ist der Herr, der seine scheinbare Macht auslebt, und Clov, gehbehindert und seltsam starr, ist der Diener, hinter dessen Willfährigkeit Rebellion aufglimmt. Zwei Männer, die sich nerven und schikanieren, und doch nicht von einander loskommen.

Das ist die Wirklichkeit des Stücks und der Aufführung. Der Regisseur tut erst gar nicht so, als wisse er, was diese Wirklichkeit zu bedeuten hat. Kann ja sein, dass draußen längst die finale Katastrophe stattgefunden hat. Kann auch sein, dass Nell (Anett Heilfort) und Nagg (Jörg Zirnstein) in ihren Abfalltonnen als Menetekel einer Gesellschaft figurieren, die ihre Alten auf den Müll wirft.

Kann alles sein. Doch die Aufführung gibt keine Antwort darauf – und gewinnt gerade daraus ihre ungewöhnliche Kraft und Spannung. Ein großer Theaterabend.

Hermann Hofer

Lübecker Nachrichten

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Landschaft mit Kriegern

Zu Heiner Müllers 75. Geburtstag eine Theaterreise in den deutschen Osten

Schwerin – Hauptsache, Arbeit: Das Staatstheater ist mit 320 Mitarbeitern der drittgrößte Arbeitgeber von Schwerin. 30 Premieren gehen jede Spielzeit über die Bühne. Die seit 1993 stattfindenden Schlossfestspiele bringen im Sommer Geld in die arme Region. Von den zirka 100000 Einwohnern Schwerins sind knapp 20 Prozent arbeitslos. Nicht von ungefähr sind für den Regisseur Tilman Gersch die Krieger unserer Zeit die Menschen, die im Kapitalismus ihre Schlachten schlagen. Er hat Jakob Michael Reinhold Lenz’ Komödie Soldaten (1776) radikal gekürzt und mit makabren Szenen aktualisiert. Wir erleben eine Vertreterschulung. Von einer gut gelaunten Dame wird die kleine Männergruppe für den Nahkampf an der Haustür gerüstet. Der Weg in die Wohnung ist der Kriegspfad, der Aktenkoffer ist die Waffe. Motto der Managerin: Geld ist schön, und ich freue mich, wenn es bei mir zu Gast ist. Tilman Gerschs Soldaten erinnern je nach Szene an Christoph Marthalers scheue Murx-Menschen und an Einar Schleefs wuchtige Chorkrieger. Mal singen sie, mal schreien sie. In den Gefechtspausen darf gekuschelt werden, und am Ende führen die Soldaten der New Economy ein kleines Satyrspiel auf. Die Truppe richtet sich mit zarten Streicheleien wieder auf – Kapitalismus mit menschlichem Antlitz.

Samuel Beckett hat es in den neuen Bundesländern noch immer schwer, er wird nicht oft gespielt. In den fünfziger Jahren wurde er zu den Autoren gezählt, der mit dem Sieg des Sozialismus überflüssig werden sollte. Als der Regisseur Thomas Neumann Endspiel für Schwerin vorschlug, wurde er gefragt, ob sich dafür überhaupt ein Publikum finden werde. Neumann gibt dem Beziehungskrieg eine abstrakte Dimension, er inszeniert Hamm (Gottfried Richter) und Clov (Jochen Fahr) wie Figuren der Commedia dell’Arte. Der Regisseur stellt Fragen nach den letzten Dingen – Fragen, die einen in der Nacht befallen. Neumann hat Endspiel unter schwierigsten technischen Bedingungen erarbeitet. Die Realität des Stückes, sagt er, decke sich mit der Realität des Hauses: dem Nichts. „Die Katastrophe, von der im Endspiel die Rede ist“, sagt er bei einer Publikumsdiskussion, „sind wir.“ In Schwerin lautet die Devise, frei nach Beckett: „Ausgeträumt träumen.“



Klaus Dermutz