Nathan der Weise

Ausbruch aus Glaubensmauern

Anklam. „Nathan der Weise“ ist eines jener Stücke, die wohl zu allen Zeiten so wirken, als wären sie just unterm Eindruck gegenwärtiger Konflikte geschrieben. Das spricht nicht eben für die Menschen, die solche Konflikte – in diesem Fall des Streits der Religionen – auch 200 Jahre nach der Entstehungs- und 800 Jahre nach der Handlungszeit nicht auszuräumen gelernt haben. Umso mehr spricht es für das Stück, für die Eindringlichkeit seiner Botschaft, die Kraft seiner Sprache.

Ganz und gar auf diese Intensität setzt die Inszenierung von Thomas Neumann, mit deren Premiere am Wochenende das 60-jährige Bestehen des Anklamer Theaters – wo das Stück übrigens auch in der Eröffnungssaison 1949/50 im Spielplan stand – begangen wurde. Nüchtern das Ambiente, in dem das von Christen, Juden und Moslems beanspruchte Jerusalem durch drei Mauern abgebildet ist. Mittendrin ein Grenzpfahl, darauf alsbald ein Schachbrett, auf dem die Protagonisten textbegleitend das Aufstellen und Umlegen von Figuren zelebrieren. Schlicht die Kostüme, von denen die Khaki-Uniform des Sultans Saladin und die GI-Kluft des Tempelherrn zum Deuteln herausfordern (Ausstattung: Jürgen Müller).

Sparsam das Spiel, sämtlich auf leisen Socken-Sohlen, mit Übergängen so fließend wie Treibsand: Auftreten, Text sprechen, und im Abgehen wird bereits die nächste Szene auf die Bühne „geweht“?

Reichlich Gestaltungsraum, um das „Stück zur Ring-Parabel“ – ist es doch förmlich um dieses Gleichnis von der Gleichwertigkeit geistigen Erbes, humanistischen Glaubens herum geschrieben – sprachlich auszureizen.

In der Tat vermag der Text zu bannen, dem mit auch beglückend vielen jungen Leuten besetzen Saal dauerhaft Konzentration abzufordern. Dies indes auch, indem er über weite Strecken dahin fließt. Gerade mal dem Klosterbruder (Tibor Oltyan) wird ein Ausdrucksmodus zugestanden, wenn er seinen Monolog mit dem einschränkenden „sagt – der Patriarch“ spickt; eine flippige Geste, mit der Birgit Lenz als christliche Kinderfrau Daja ihrem jüdischen Herrn den Auftrag des Sultans übermittelt, gerät schon zum Ausbruch aus dem statischen Konzept; und die Lebendigkeit der Nebenhandlung um den zum Schatzmeister aufgestiegenen Derwisch (Marko Bullack) läuft außer Konkurrenz.

Dem Tempelherrn immerhin (Andreas Flick) muss Aufbrausen vorbehalten sein – gerät er doch mitten ins Spannungsfeld der unerwarteten Gnade durch den moslemischen Sultan (Heiko Gülland, in nahezu siamesischer Konstellation mit Paola Brandenburg als seine Schwester Sittah), der entflammten Liebe zur geretteten Recha (Ariane Beeskow als mit menschlichen Idealen herangewachsenes, schon lebens-weises Mädchen), der selbstgerechten Beiläufigkeit, mit der der christliche Patriarch (Rainer Karsitz) sein „Tut nichts, der Jude wird verbrannt“ wiederholt, und dem überzeugenden, beharrlichen Humanismus Nathans.

Jenen Nathan stattet Rolf Günther mit der Gelassenheit der ihm nachgesagten Weisheit aus. In sich ruhend, verströmt er die kluge Allegorie auf Saladins Frage nach der „wahren“ Religion und löst die sich anbahnenden Konflikte um das Kind, das er unrechtmäßig aufgezogen haben soll, und um die rätselhafte Ähnlichkeit des Tempelritters mit Saladins Bruder. Die der Geschichte innewohnende Dramatik scheint mit allzu ruhiger Hand gezügelt. Eine Strategie, der das Premierenpublikum den Kontrast lebhaften Beifalls hinzufügte.


Nordkurier, 09. November 2009

Susanne Schulz




12. und 14. November

Blechbüchse Zinnowitz


21. und 23. November

Barther Boddenbühne


2. und 3. Dezember

Theater Anklam


Karten: 03971.208 925

Nathan leidet unter der Last der Bedeutungen

Anklam (OZ) – Verhalten, ja melancholisch kommt vom Klavier die Melodie zu Schillers „Ode an die Freude“. „Alle Menschen werden Brüder“ am Ende von Lessings Stück „Nathan der Weise“ im Anklamer Theater klingt recht depressiv. Und auch das Figurenensemble im Jerusalem zur Zeit der Kreuzzüge steht ratlos da. Eine sterile Großfamilie, die nichts mehr mit sich anzufangen weiß.

Für Recha, das Christenmädchen, das der Jude Nathan als eigene Tochter großzog, und den jungen Tempelherrn, der als christlicher Krieger ins Land kam und sich nun als Sohn von Sultan Saladins Bruder erweist, ist der Schluss besonders traurig. Müssen die beiden frisch Verliebten doch auf Leidenschaft verzichten, nachdem sie erfuhren, dass sie Geschwister sind. Und so zeigt die allgemeine Brüderlichkeit der Menschheitsfamilie, die ein Ausdruck der Vernunft ist, auch deren Kehrseite: die Beschränkung von Emotionen und konfliktreicher Lebendigkeit.

Spätestens am Schluss wird klar, dass Regisseur Thomas Neumann Lessings „dramatisches Gedicht“ unter dem Eindruck dieses sonderbar konstruierten Endes erzählt hat. Von Anfang an drückt da die Last bedeutungsschwerer Symbolik. So erklärt sich der minimalistische Gestus des Spiels ebenso wie die Zurückhaltung bei dramaturgischen Spannungseffekten in der Behandlung der Sprache. Seinem Nathan verleiht Rolf Günther einen suggestiven und dauerhaft beruhigenden Klang. Seine Weisheit lässt ihn übermenschlich erscheinen.

Ein Hauch von Apotheose schwebt über allem – zumindest gegenüber der Ziehtochter Recha wirkt Nathan wie ein Übervater.

Für Recha (Ariane Beeskow) schränkt das die Spielmöglichkeiten ein. Kein lebenslustiges Mädchen kommt da dem heimkehrenden Vater entgegengestürmt, sondern ein in seiner Bravheit steif wirkendes Kind, das Empfindungen innerlich abzuarbeiten lernen musste. Sieht so bedrückt eine durch Nathans Weisheit geprägte Kleinfamilie aus? Nur durch die naiv zupackende Hausdame Daja (Birgit Lenz) wird das mit einem Hauch wohltuender Unberechenbarkeit aufgelockert.

Ach ja, es geht ja um die ganz großen Menschheitsfragen, um die drei monotheistischen Weltreligionen, um Alleinvertretungsanspruch und Toleranz, letztlich um Menschlichkeit. Die Ringparabel, von Nathan hier feierlich erzählt, ist weiser als die guten Menschen dieser Inszenierung, weil sie die Entscheidung über den rechten Weg in eine ferne Zukunft vertagt.

Entsprechend den drei gleichartigen (Religions-)Ringen der Parabel hat Bühnenbildner Jürgen Müller die Bühne mit drei Klagemauern umgeben. Was nur bedingt zum Stück passt, denn dort hat vor allem der Jude Nathan Grund zur Klage. Ebenfalls befremdlich wirkt die Kolonial-Uniform, mit der Heiko Gülland als Sultan Saladin regiert. Bei ihm und seiner Schwester Sittah (Paola Brandenburg) fruchten die Einsichten zur religionsübergreifenden Humanität recht schnell.

Das Publikum applaudierte heftig. Denn mit der Premiere am Sonnabend wurde auch das 60-jährige Bestehen des Anklamer Theaters begangen. Gefeiert wurde dies unmittelbar vor dem „Nathan“, und die dabei gehaltene Rückschau geriet zur stolzen Selbstbehauptungsfeier eines fest in seiner Region verwurzelten Theaters. Bisher konnte es allen Gefährdungen standhalten. Zu hoffen ist, dass das so bleibt.


Ostseezeitung, 9. November 2009

Dietrich Pätzold




12. und 14. November

Blechbüchse Zinnowitz


Karten: 03971.208 925