Don Carlos

Was denkt das Volk?

Herbert Olschok inszeniert Schillers „Don Karlos“ am Hans-Otto-Theater

Der Sohn liebt noch immer die Frau, die sein Vater, indem er sie heiratete, zu seiner Stiefmutter machte. Der Sohn begehrt auf gegen einen Vater, der als strenger König die widerständischen Provinzen mit kriegerischer Grausamkeit überzieht. Nun liefert der Vater seinen Sohn der Inquisition aus. Die Rede ist von König Philipp II. und seinem Sohn Don Karlos, Titelfigur von Friedrich Schillers Drama, das am Sonnabend im Hans-Otto-Theater in Potsdam Premiere hatte. Herbert Olschoks Inszenierung buchstabiert das tragische Gefüge psychologisch aus und kann sich dabei auf gute und hervorragende Schauspieler verlassen. Wolfgang Menradis Don Karlos ist von Beginn an kein Prinz, sondern ein Prinzchen. Wie ein zahmer Affe bespringt er seinen Freund Marquis Posa zur herzlichen Umarmung, setzt Knopfäuglein und Schmollmund ein. Solch ostentativer Körperlichkeit, die hier und da in den Manierismus zu kippen droht, wird unterstützt van seinem elegant geschnittenen und zugleich irgend verlorenen Kostüm (Kostüme und Bühne: Marianne Hollenstein). Seinen größten Augenblick hat Manradi, wenn er an der Leiche Posas in wehrloses Kinderweinen ausbricht.

Rita Feldmeier trägt als des Königs Gemahlin Elisabeth zwar oft zu dick auf, zerknautscht ihr Gesicht und lässt ihre Stimme kieksen, gibt der stets gefassten und zwangs-optimistischen Königin jedoch zugleich als einziger einen direkten, den Text leicht ironisierenden Ton. Größe gewinnt die Königin, als sie ihrer am Boden zerstörten Hofdame Eboli deren Intrige mit betörender Leichtigkeit vergibt: „Sie liebten ihn, ich habe schon verziehen.“

Von seinem ersten Auftritt an brilliert Thomas Neumann als König Philipp mit eigener Haltung. Mit der Ruhe des Herrschers zerdehnt er gramvoll die Silben. In einem Augenblick der Schwäche fragt er seinen Beichtvater hilflos: „Was denkt das Volk?“ und nimmt dessen arglistige Antwort tragischerweise als Handlungsanweisung. Dieser König ist in seiner Funktion verbittert und den Bedürfnissen seiner Untertanen entfremdet.

Besonders die kleinen Figuren sind genau gearbeitet und ergänzen einander zum höfischen Tableau. Harald Koch gelingt es als militärisch eleganter und abstoßend schmieriger Herzog von Alba überraschend, im intimen Dialog mit seinem König durch klaren Ernst die ganze Tragik des Liebesverhältnisses zwischen Mutter und Sohn fühlbar zu machen. Peter Pauli reduziert seinen Beichtvater Domingo auf ekelhaftes Dauerkratzen am Hals und ennuyierendes Münzenklimpern aus der Hosentasche. David Einig gibt als Prinz von Parma die einzige komische Figur, platziert sie als schrägen Witzbold mit Wuschelfrisur im Niemandsland zwischen Sympath und Intrigant. Und nicht ein einziger Charakter wird dabei denunziert.



Berliner Zeitung, 6. November 2001

Kristo Sagor

Historiendrama in freundlicher Distanz

Schillers „Don Karlos“ hatte am Hans Otto Theater Premiere

An einer Eifersuchtstragödie hatte der fünfundzwanzigjährige Schiller mit seinem zunächst als Prosastoff angelegten „Don Karlos“ ursprünglich gearbeitet. Die Dreierbeziehung gestaltete sich zugleich als ein Generationenkonflikt, denn Vater und Sohn konkurrierten um ein und dieselbe Frau. Dieser Text war alles andere als ein Wurf von leichter Hand, das Ringen um Figuren- und Beziehungskonstellationen zog sich vielmehr über Jahre hin und wurde vom Autor schließlich um die politische Dimension erweitert. Don Karlos, der Infant von Spanien, liebt seine Stiefmutter, Königin Elisabeth, die einst die „bessere Partie“ in Gestalt des Vaters, König Phillipp II., vorzog und sich den offenkundigen Herzensregungen des Jüngeren von nun an verschließt. Die Macht der Alten – an der Seite des Königs steht der blutrünstige Herzog von Alba – zementiert die Inquisition. Der Freund Karlos, der Marquis von Posa, will das Land aus dieser Lähmung befreien und Karlos zum ausführenden Medium seiner Ideen machen. Bereits zwei Jahre vor der Französischen Revolution lässt Schiller durch den Mund Posas von der Hamburger Bühne herab die Menschenrechte verkünden. Das vorläufige Scheitern der Jungen – Posa wird vom König ermordet und Karlos an die Inquisition übergeben – ist eingebettet in eine weitere, von Irrtümern und Intrigen getragenen Eifersuchtsgeschichte: die Prinzessin von Eboli, eine Hofdame der Königin, liebt den Prinzen und verrät dessen Herzensneigungen in der Enttäuschung der Verschmähten an den König.

Im Zuge der Erweiterung und konfliktreichen Verästelung des Textes lässt Schiller die Prosa hinter sich, durchschreitet Naturalismus und Sturm und Drang; die Idee vom Individualdrama wächst sich aus zum überpersönlichen Ideendrama und birgt ob seiner komplizierten Verquickung verschiedener Handlungslinien auch die Gefahr der Zersplitterung in sich.

Herbert Olschok, Gastregisseur am Hans Otto Theater und durch zahlreiche Inszenierungen am Deutschen Nationaltheater Weimar, am Berliner Ensemble und am Deutschen Theater bekannt geworden, tritt optisch in deutlichen Kontrast zum Schillerschen Schichtenauftragen. Auf der Bühne gibt es kein Zuviel, keine Verspieltheiten, da wird auf klare Linie gesetzt Zwei schmucklose Wände mit Öffnungen für Auftritt und Abgang, je nach dramatischer Zuspitzung des Geschehens aufeinander zu und voneinander abrückbar, geben den Blick frei auf eine Balustrade, die über einige Treppenstufen zu erreichen ist. Mehrere Stühle werden in strenger Choreografie während des dreistündigen Abends mehrfach neu gruppiert. Der Garderobe der Hofgesellschaft (Bühne und Kostüme: Marianne Hollenstein) liegt ebenfalls der klare und gerade Schnitt zugrunde, Knöpfe, Kragen, Schleifen zitieren dezent vergangene Epochen und könnten ebenso gut zum etwas besseren Vorzeigekostüm im Hier und Jetzt gehören.

Das Durchqueren des Schillerschen Textgebirges auf einer beinahe schon unbarmherzig klaren Bühne, die vor allem wechselseitiges Stehen und Gehen vorschreibt ist den Schauspielern keineswegs leicht gemacht. So geraten die Freundschaftsbekundungen zwischen Karlos (Wolfgang Menardi) und Posa (Peter Donath) anfänglich in deklamierendem Tonfall, auch die heftigen Umarmungen vermögen das Eis nicht wirklich zu brechen. Der Infant in ungelenken Bewegungen, häufig stolpernd und stürzend, mit verzweifelt fernem Blick, ist ganz als Jüngling in Selbst- und Fremdverstrickung entworfen. Menardi verleiht diesem an Leidenschaft und Intrige Ausgelieferten den Gestus des von den Windböen des Schicksals Getriebenen und vermag jedoch im Verlaufe dieses langen Abends ein recht begrenztes Spektrum der Ausdrucksmöglichkeiten nicht zu durchbrechen. Donath gibt seinen Posa mit Untertreibung, ein wenig geschäftsmäßig, was zur Folge hat dass man ihm die große politische Utopie nicht abnehmen kann.

Auch Rita Feldmeier scheint von den unterdrückten Gefühlen der Königin ein wenig überfordert was sie an diesem Abend im unguten Sinne theatralisch sein lässt: Starre Augenaufschläge, rollender Blick und übertrieben zittrige Hände, aus denen schließlich Theaterblut rinnt lassen die Gemahlin des Königs nicht selten ungewollt komisch erscheinen.

Der Souverän des Abends ist fraglos Thomas Neumann, seit Frank Beyers „Der König und sein Narr“ nun erneut Gast am Potsdamer Theater. Neumann bleibt vornehmlich bei minimalistischem Spiel, da ist stilles Verharren hinter gesenktem Blick zuweilen schon kraftvollster Ausdruck. Im variationsreichen Neumann-Ton widmet er sich dem Text brilliert im unablässigen Auseinandernehmen und kreativen Zusammenfügen der Rede, dass es eine reine Wonne ist, diesem königlichen Nörgler, Anordner und schließlich um Rettung aus der Einsamkeit Flehenden nur zuzuhören.

Insgesamt folgt man dieser Inszenierung, die vor allem von Tempo und Rhythmus mit großem Geschick auf die Bühne gebracht wurde, in freundlicher Distanz. Olschok folgt ganz dem Autor des Stücks und will uns alle hier angelegten Konflikte erzählen, die als ewig-menschlich und immer-gültig erscheinen mögen und sich doch offenbar so ganz nah am Schillerschen Duktus kaum mehr lebendig erzählen lassen.



PNN, 5. November 2001

Carolin Lorenz

Alles offen, alles unwahrscheinlich

Dramaturgisches Kopfprodukt: Im Hans Otto Theater ist Schillers „Don Karlos“ ein fahriger Bengel und nie ganz bei der Sache

Vorletzte Szene, fünfter Akt: Auftritt des Großinquisitors, hüllt in ein blutrotes Mordgewand, die Haare lang und strähnig über den Rücken fallend, den Blick starr, aber fest ins Nichts gerichtet, unterzieht er den König katholischer Belehrung. Die Seitenteile der malvengrünen Bühne haben sich inzwischen bedrohlich nach innen verschoben, dem Tonfall der beiden rivalisierenden Herrscher im spanischen Reich der Ungerechtigkeit ist Anspannung eingeschrieben.

Auf das Publikum will sie sich nicht übertragen. Während dort oben über Tod und Leben entschieden wird, stellt es sich bange Fragen. Alle an diesem Abend tragen unauffällige Allerweltskostüme, der Großinquisitor nicht. Warum? Domingo, Beichtvater des Königs, hat immer die Hand in der Tasche und klappert mit den Münzen. Wieso bloß? Und weshalb ist Don Karlos ein fahriger Bengel, der nie ganz bei der Sache ist? Keine Ahnung. Es fallen einem nur Klischees und Banalitäten ein. Kurzum: Der über dreistündige Schiller-Abend am Hans Otto Theater gibt einiges zu Knobeln auf, ein inszenatorischer Grundeinfall ist kaum erkennbar.

Oder soll der angedeutete Selbstmord von Königin Elisabeth (Rita Feldmeier), die einzige einschneidende Veränderung gegenüber der Textvorlage, der Inszenierung Brisanz und Sinnfälligkeit geben? Bei Schiller fällt die Angebetete des Karlos am Ende in Ohnmacht. Es bleibt bezeichnenderweise offen, ob sie das Drama überlebt oder nicht. In der Arbeit von Herbert Olschok würgt sie sich mit ihrem aparten Halstüchlein: Die Ohnmacht respektive der Tod wird von eigener Hand herbeigeführt. Genau die Todesart, welche in Schillers so genanntem ersten klassischen Drama ausdrücklich gemieden wird. Aus gutem Grund: Das Sterben ist ihm immer Sache einer höheren Instanz. Warum die in Potsdam leicht gekürzte Fassung gerade hier ändernd eingreift, bleibt im Dunkeln. Auch das ein Rätsel.

Warum „Don Karlos“ überhaupt gespielt wird, scheint sowieso keiner so richtig zu wissen. Vielleicht aus theoretischen Gründen. Schließlich spricht der Text so schön von der Humanität, von nicht zuletzt in diesen Tagen angekränkelten Ideen. Theoretische Verliebtheiten machen aber, eine Binsenweisheit, noch kein Theater.

Entsprechend hilflos staksen die Figuren durch dieses dramaturgische Kopfprodukt:

Wolfgang Menardi als Don Karlos und Peter Donath als sein Freund Marquis von Posa hängen sichtlich im luftleeren Raum. Katja Heinrich als Prinzessin Eboli schwankt zwischen Seelendrama und Lehrstück. Nur Thomas Neumann als König Philipp kann seiner Rolle Konturen geben. Aber vielleicht soll uns dieser Abend lehren, dass Schillers utopisches Werk vor der Gegenwart ins Schwanken gerät. Eine Demontage also? Auch unwahrscheinlich. Wie alles an diesem Abend.




MAZ, 5. November 2001

Dirk Pilz