Frankenstein

Mäuse, Menschen, Monster

A, T, C, G, Adenin und Thymin, Cytosin und Guanin – der Stoff aus dem unser Erbgut zusammengesetzt ist. Die Buchstaben flirren über die Leinwand im Frankfurter Mousonturm aber eigentlich steht ja T-A-G und N-A-C-H-T. Gleichwie es geht ums Ganze. Um das, was den Menschen ausmacht. In der Nacht leuchten die Kreuze auf dem Friedhof schauerlich, der im Bühnenhintergrund aufscheint.

Ein Hund (echt) schnuppert an einem Grab (unecht). Vielleicht kommt gleich Frankenstein vorbei und klaut ein Leichenteil aus dem er sein Monster zusammenflickt.

Geisterstunde – und wieder schnurrt eine Assoziationskette ab, der Harriet Maria und Peter Meining alias Norton:\Commander:\Productions einen Schlüsseltext des modernen Wissenschaftsgrusels zu Grunde gelegt haben. Mary Schelleys Frankenstein. Ist es Tag sehen wir auf der Bühne ein älteres Ehepaar, das den steinalten Vater im Pflegeheim besucht. Der Vater mümmelt Pralinen und kann sich nicht erinnern, wer die beiden sind. Die Schwiegertochter hält er für seine Frau, den Sohn findet er unsympathisch.

Man kann es verstehen. In anderen Szenen ist er ein Wissenschaftler, der Mäuse genetisch so verändert, dass sie geradezu besessen sozial werden. Von den drei Protagonisten kann man das nicht behaupten: Der Ehealltag der Paares steht im krassen Kontrast zu den Errungenschaften der Wissenschaft, von denen die Rede ist, wenn die drei hinter Wasserbecken stehen, die Laboratmosphäre verbreiten.

Es sind ganz herausragende Schauspieler mit denen norton.commander. das Stück „Frankenstein – Kommunikationskatastrophen“ inszeniert haben. Wie immer kombinieren sie Filmelemente und Theater: Aus dem Off und auf der Leinwand, in einem Video liest Hans Zischler in Auszügen die Frankenstein Geschichte und spielt auch den Freund des Monsters, dem er hochsymbolisch bei Brot und Wein, das Sprechen beibringt. Unterhalb der Projektionsfläche auf der weiß ausgeschlagenen Bühne brillieren Hermann Beyer, Thomas Neumann und die großartige Irm Hermann: Wen sollte eine Frau lieben, wenn ihr Mann und ihr Freund den Kopf tauschen? fragt sie.

So kommt der Zuschauer nicht nur von Tag und Nacht auf die DNA, sondern auch von der Geschichte des Forschers Frankenstein, der sich als gottgleicher Schöpfer überhebt und ein monströses Wesen erschafft, auf heutige Alzheimerpatienten und politisch gewollte Unsterblichkeitsphantasien – und dazu, sich zu fragen, was denn einen Menschen und seine Würde ausmache. Große Fragen scheinen in diesen Kommunikationskatastrophen auf. Aber wie schon bei „Märchen Naive Fragen Komplexe Antworten“ das im November zu sehen war und von Gesellschaft und Kapital handelte, zeigen sich die Meinings nicht nur als ausgezeichnete Fährtenleger, sondern auch als Theaterleute, die große Lust und Begabung zum Geschichtenerzählen und zur Ironie haben. Wenn Frankenstein mit Nadel und Faden unförmige Fleisch- und Innereiklumpen zusammennäht, um dem Monster die verlangte Frau zu schaffen, so ist das ebenso komisch wie das hochtrabende „Erklärungsprinzip“ im Programmheft, ein Diagramm mit bedeutungsschweren Begriffen, samt Pfeilchen und Symbolen.

Nicht, dass Norton:\Commander:\ es nicht ernst meinen würden mit den Parallelen, die zwischen Frankenstein und der modernen Forschung gezogen werden: Ganz am Ende verlangt ein sehr junges Mädchen (Rebecca Meining) ein Innehalten – und erlaubt die Frage: wer hier eigentlich das Monster sei.


FAZ, 1. März 2006

Eva Maria Magel