Solaris

Erzwungene Spannung auf dem Weg zur Selbstkenntnis

Norton:\Commander:\Productions inszeniert „Solaris“ nach Stanislaw Lem in Hellerau

Es sei eine harte Nuss, den Stoff seines Buches für die Masse verständlich zu machen, soll Stanislaw Lem einmal bezüglich einer Verfilmung seines Romans und Meisterwerks „Solaris“ gesagt haben. Schuf der Russe Andrej Tarkowski 1972 mit dem Weg der leicht philosophischen Abstraktion noch einen Meilenstein der Filmgeschichte, obwohl er der emotionalen, zwischenmenschlichen Komponente eigentlich zu wenig Platz eingeräumt hatte, so schoss Stephen Soderberghs Version aus dem letzten Jahr gänzlich am eigentlichen Diskurs Lems vorbei und malte mit George Clooney und Natascha McElhone in den Hauptrollen eine unangestrengte, gewissenlose Liebesgeschichte. Dass es aber den Regisseur wie auch den Zuschauer viel Anstrengung kosten muss, wenn man „Solaris“ einmal auf die Theaterbühne holt, ist selbst nach vorsichtiger Berührung mit dem Stoff schnell klar; schließlich ist die landläufige Annahme, dass Science Fiction dem Avantgarde-Theater gewisse tragende Elemente geradewegs zuspiele, meistens nicht mehr als eine Halluzination und in diesem speziellen Fall eine Rechnung, die man nicht mit Stanislaw Lem gemacht hat.

Harriet Maria und Peter Meining haben für ihre Inszenierung von „Solaris“ im Festspielhaus Hellerau den Gebrauch ihrer „Neuen Medien“ in gewisser Weise sogar eingeschränkt – ein an den Anfang gesetzter Rückschaufilm ist tatsächlich ein solcher und keine abstrakt-ästhetische Assoziationsflutung, alle herbeihalluzinierten Personen sind aus Fleisch und Blut und keine flackernden Projektionen, Transmissionsprobleme im zwischenmenschlichen wie auch im ethischen Kosmos sind die Basis dieser Inszenierung, womit erstens die inhaltliche Ausrichtung ganz grob geklärt und zweitens schon an diesem Punkt ein Level erreicht wäre, an dem zumindest Soderbergh nicht einmal zu kratzen vermag.

Die Geschichte: Der Wissenschaftler Kelvin (Christian Wittmann) wird zur Raumstation auf den Planeten Solaris geschickt, von der nur noch verworrene Botschaften zur Erde dringen. Neben einer völlig verwahrlosten Station, in der sich nur noch zwei von ursprünglich 85 Besatzungsmitgliedern befinden, und in der eine gewisse Paranoia alles Leben zu bestimmen scheint, stößt Kelvin recht schnell auf die Ursache der umfangreichen Störung: Ein beinahe den ganzen Planeten bedeckender Ozean aus seltsamem Plasma entpuppt sich als fremde Lebensform, die in einer Art Experiment die Besitzungsmitglieder mit ihren Ängsten, ihren Geistern der Vergangenheit konfrontiert und somit für sich und den Rezipienten die Frage nach der Identität des menschlichen Individuums zu klären versucht. Die Suche nach dem ganz Anderen ist eigentlich die Suche nach sich selbst. Kelvin begegnet so seiner verstorbenen Frau Harey (Juliane Werner), die sich seinetwegen umgebracht hat. Zu diesem wahrhaft unfassbaren Konflikt gesellt sich die moralische Frage nach dem Preis wissenschaftlicher Erkenntnis.

Das Bühnenbild der Meinings wird durch einzelne zellenartige Zelte bestimmt, die wie zu Urzeiten als Behausungen dienen und in denen mit vermeintlichen Erkenntnissen gefüllte Bücher gehortet sind, die dann im Verlauf des Stücks entwertet werden und in einer Abfalltonne landen. Die Dialoge wirken aufgrund einer gewissen philosophisch-assoziativen Hochspannung zerpflückt, da muss man dran bleiben bis zum Ende, was wiederum eine erzwungene Spannung ergibt, die als Theatergefühl ungemein überrascht wie auch anstrengt. Seltsame Klänge dringen aus einer Art kollektivem Gedächtnis durch die Boxen in den Raum, dazu mischt sich gelegentlich und höchst wirksam die Stimme Blixa Bargelds, der mal aus toten Wissenschaftlern herausspricht und mal aus dem Struwelpeter zitiert, was am Ende eine herrlich komische Entspannung bietet, gleichbedeutend mit dem von Lars Rudolph am Hellerauer Haushund erklärten Pawlowschen Reflex. Irm Hermann ist immer einen Theatergang wert, auch wenn ihre Figuren hier durch die kurzgeschnittenen, multiplen Auftritte ein wenig unbedarft und blass erscheinen. Thomas Neumann erzielt als verwirrter, stoischer Snout mit seinem monotonen Gerede unerwartet interessante Wirkungen.

Die Kernfrage des Stücks wie der Inszenierung – wie können wir etwas begreifen, was jenseits unserer Vorstellung liegt, wenn wir uns selbst nicht zu erkennen vermögen? – tritt zu Tage, wenn man den kunstvollen, aber manchmal etwas zu dicht geschachtelten, psychotischen Verblendungen zu folgen vermag. Vor ausverkauftem Haus gab es für diese beachtliche Versuchsanordnung einen ganz warmen, ungekünstelten Applaus. Nun geht die Inszenierung auf Deutschlandtournee.



Dresdner Neueste Nachrichten,

25. Oktober 2004

Norbert Seidel

Die Letzten entschwinden im Universum

Das Team von Norton:\Commander:\Productions präsentierte eine spannende „Solaris“-Produktion im Festspielhaus Hellerau

Ein derartiges Besuchergewimmel im Festspielhaus Hellerau, das erfreut jeden Beteiligten. Und assoziiert Hoch-Zeiten der imposanten Spielstätte, wo alles auf den Heller strömte, um Neues, Wichtiges nicht zu verpassen. Dicht gedrängt, aufmerksam, gleich Mitreisenden in einer unglaublichen Geschichte sitzen die Zuschauer im Großen Saal auf ansteigenden Bänken, lassen sich im Sog hineinziehen ins szenische Geschehen. Sie sind spürbar Teil dieser merkwürdigen Expedition, die in Untiefen menschlichen Daseins abtaucht, eindringt in einst visionäre Gedanken, die uns im Kontext der Gegenwart längst auf den Leib, in den Kopf gerückt sind.

Seit Jahren ziehen die Produktionen von Harriet Maria und Peter Meining fast magisch speziell auch junges Publikum an, profitieren von der gemeinsamen Idee des bewagten, inhaltlich durchdrungenen Bild- und Sprachraumes. Das hat seinen Reiz, verspielt sich zuweilen im Detail, doch immer so, dass man sich erinnert. In „Solaris“ nach Stanislaw Lern, am Wochenende Im Festspielhaus beeindruckend intensiv aufgeführt, gelingt es den beiden zusammen mit vielen Verbündeten die komplizierte Geschichte spannungsreich und frei von Ballast zu erzählen.


Alles ist überwacht, manipuliert, registriert

Es ist, als ob das Spiel den gesamten, geheimnisvoll lichternden Saal umfasst, sich die verlassen wirkende Station auf dem Planeten Solaris nirgendwo sonst als an diesem unbehausten Platz finden lässt. Kein Ort. Nirgends. Personen werden im dunklen Raum mit Strahlern fixiert, tauchen ein in Zelte und Laboratorien, agieren auf Lichtflächen, verschwinden wie weggebeamt oder erscheinen als Stimme, die man herausfinden muss. Alles ist überwacht, ist manipuliert und registriert, das Gehirn ein Schaltraum im Zugriff anderer, steuerbar die Metamorphose des Körpers, der Sprache.

In Momenten bleibt nur noch das kalte Feuer auf dem Bildschirm im Hintergrund als ein Wärme vortäuschendes Lebenszeichen. Und schlussendlich entschwinden in schwarz-weißer Filmanimation die Letzten der Station im endlos weiten Universum.

Die Besonderheit der Aufführung liegt vor allem in der speziellen Qualität des Darstellerquintetts. Eine Besetzung, die über bekannte Namen hinaus von den speziellen Eigenheiten der Schauspieler lebt. Das schafft Raum für Überhöhungen (man denke nur an die Tarkowski Verfilmung) und ist einfach unverzichtbar bei dieser Geschichte. Wie immer eine gute Wahl, unverwechselbar Lars Rudolph oder Irm Herrmann, bekannt von Fassbinder-Filmen. Dazu die unsentimental-klare, berührende Juliane Werner (sie war auch bei „Epidemie“ dabei) sowie Thomas Neumann und Christian Wittmann.


Ein deutliches Gewicht im Solaris-Bühnenfieber

Im derzeit aufflammenden „Solaris“-Fieber der Bühnen dürfte diese Inszenierung deutlich Gewicht haben. Weitere Aufführungen sind bis März 2005 beispielsweise in Hannover, Zürich, Düsseldorf, Frankfurt am Main und Berlin angekündigt.




Sächsische Zeitung, 25. Oktober 2004

Gabi Corgas